Bezirk

Geschichte der Landeskirchlichen Gemeinschaft Memmingen e.V.

Auszug aus der  Festschrift "100 Jahre Landeskirchliche Gemeinschaft Memmingen" (1994)

Pietismus in Memmingen im 18. Jahrhundert

In Memmingen war 1706 bekannt, dass in einigen Häusern "Konventikel" stattfanden, bei denen mit Lesen, Singen, Beten und anderen geistlichen Übungen ein formaler Gottesdienst gehalten wurde. Vier Hausväter wurden am 09.04.1706 vorgeladen, um ihnen mitzuteilen, daß der Magistrat, dem die cura teligionis zustehe, ihre Winkelzusammenkünfte nicht dulden könne. Durch sie werde der öffentliche Gottesdienst beiseite geschoben. Erlaubt wurden "Hauskirchen" in den einzelnen Familien, zu denen man einen oder zwei Nachbarn oder Freunde einladen könne. Eine Gruppe von ca. zehn Familien der Pietisten haben die Anordnungen des Rates eingehalten. Nach dem neuen Bibeldruckverfahren im 18. Jahrhundert konnten die Bibeln billiger hergestellt und dem Volk mehr zugänglich gemacht werden. Sie wurden mit Summarien der Nebengottesdienste und Gebet versehen, so dass der Hausvater gut einen Hausgottesdienst halten konnte.

Das Verbot der Zusammenkünfte im größeren Kreis wurde aber von anderen trotzdem übertreten. Zur scharfen Kritik neigten die Brüder Funk und Dr. med. Hermann. Das gesellschaftliche Leben in Kirche, Schule und Familie wurde scharf angegriffen. Funk sagte: "Würde er die gewöhnlichen Freß-, Sauf- und Wollusthochzeiten, Gesellschaften, Gastereien, Kontrakte (Weintrunk bei Käufen, Verlöbnissen) und dergleichen Rekreationen mitmachen, mittanzen Räusche trinken, Romane lesen, Zoten reißen, ärgerliche Lieder singen, mit den Nächsten in Unfrieden leben, schinden, schaben und wuchern und daneben zur Beichte und Abendmahl gehen, so würde er für einen guten Lutheraner gelten." Auch das Fastnachtsleben wurde angegriffen. 1705 hat der Rat der Stadt Memmingen den Geistlichen die Teilnahme an öffentlichen Tanzgelegenheiten verboten: "dass bei verschiedenen Hochzeiten sich ein und andere der Herren Geistlichen in den gehaltenen öffentlichen Tänzen eingemenget und mitgetanzet haben, und aber das Tanzen an sich selbsten nichts anderes denn ein lautes Weltwesen ist, dessen sich die Herren Geistlichen Ihres Amtes und Stands halber von selbsten enthalten sollten!!!" Von Ulm hörte man in Bezug auf die Fastnacht, dass Joh. Rist sie aus der Gemeinde hinausgepredigt habe und sie zu den Zeiten Dr. Dietrichs voll abgeschafft wurde.

Obwohl von den Memmingern Bürgern, die die Konventikel begehrten, nichts Nachteiliges über deren Lebensführung gesagt werden konnte und sie in ihren Worten die lutherischen Bekenntnisschriften im allgemeinen anerkennen wollten, wurden ihnen übelste Nachrede angehängt. Dr. Schelwig beurteilte den Pietismus negativ: "Es ist nun wohlbekannt der Nam' der Pietisten: Was ist ein Pietist? Der Schwärmereien lehrt und alle Gottesfurcht in Gleißnerei verkehrt." Aber positiv urteilte Lic. Feller: "Was ist ein Pietist? Der Gottes Wort studiert und nach demselben auch ein heilig Leben führt." Der Pietist Funk reimte unter anderem:

"Gib, was dir täglich über bleibt und fast verdirbt, dem nächsten Armen,

Brot, Suppen, Fleisch und andres mehr, so wird sich Gott auch dein erbarmen.

Der Glaub ja macht gerecht, wie Paulus spricht,

der durch die Liebe tätig ist, sonst nicht."

Von den Memminger Kanzeln allgemein fühlten sich die Pietisten schlecht beurteilt. Der Rat der Stadt hat auch das geistliche Ministerium ermahnt, die in Stille ihr Seelenheil in rechtem Glauben und christlichem Wandel suchen, nicht zu verunglimpfen. Radikale Pietisten suchten sich ihres weiteren Weges zu vergewissern. Sie wurden empfänglich für Prophetenstimmen, die an vielen Orten zu hören waren. Dadurch gerieten Pietisten in Memmingen auf den Abweg zur Separation. Joh. Tennhardt aus Sachsen gewann mit Bußmahnungen und Gerichtsdrohungen an Einfluß. Der Kandidat der Theologie Joh. Heuß öffnete sich dem gesellschaftskritischen Pietismus. Er forderte strenges Leben; denn Gott fordere nichts Unmögliches. Heuß kam im Rathaus in Arrest. Der schwäbische Pfarrerssohn und Hofsattler , Joh. Friedrich Rock aus Marienborn, kam 1717 nach Memmingen. Er galt als Träger des Inspirationsgeistes. Er wußte sich als Werkzeug Gottes und gewann großen Einfluß auf Heuß. Obwohl Rock und seine Begleitung nach Eindruck von Superindendent Wachter äußerlich feine und bescheidene Lete waren, mußten sie die Stadt wieder verlassen. Heuß, der als Schwärmer bezeichnet wurde, fühlte sich an den Pranger gestellt. Heuß, der den Arrest schon kannte, wurde das Pfarrhaus in Frickenhausen zum Aufenthalt angewiesen. Einmal kam er mit Freunden aus der Stadt während der Gottesdienstzeit im Wald bei Rommeltshausen zusammen und berichtete seinem Pfarrer später, was für Eingebungen sie gehabt und wie herzlich alle zusammenstimmten. Bei einer weiteren Begegnung wurden sie vom Herrschaftspfleger Mindelheim verhaftet. Heuß verließ 1717 die Stadt Memmingen.

Man versuchte, die übrigen Separatisten durch den Pfarrer zu Unser Frauen, Brandenmüller, in das kirchliche Leben zurückzuführen. Dazu sollten zwei Erbauungsstunden in der Woche im Pfarrhas Unser Frauen unter der Leitung des Pfarrers Brandenmüller dienen, der dem Pietismus nahestand. Die Gemeinde der Frauenkirche erhielt schon zwischen 1660 und 1681 durch Pfarrer Reichart eine pietistische Prägung. Er war mit Pfarrer Philipp Jakob Spener freundschaftlich verbunden. Beim Tode Reicharts übersandte Spener ein Beileidsgedicht. Die Zusammenkünfte machten einen guten Anfang. Bis Rock wieder in die Nähe Memmingens kam und die radikalen Pietisten zur Trennung ermutigte. Am 01.11.1717 haben 38 "verbürgte" Personen, Ehepaare mit Kindern, einzeln Männer, die ihre Frauen zurückließen, und Ledige ihre Heimat velassen.

Mitglieder um 1900

Mitglieder um 1900: Von links Karl Büchele, Buchbindermeister; Jakob Hieber, Privatmann, später Leiter; Jakob Stetter, Rentner aus Wain; Konrad Bauer, Schuhmachermeister; Michael Geiger sen., Bildhauer, damaliger Leiter; Hans Hieber, Schuhmacher Buxach; Matthäus Wassermann, Fuhrmann;

100 Jahre Landeskirchliche Gemeinschaft (geschrieben 1994)

Nach der Emigration Memminger Christen im 18. Jahrhundert, die aus Hauskreisen ohne Parrer bestanden, aber sich doch als Glieder der Evang.-Luth. Kirche wußten, gab es lange Zeit keine Zusammenkünfte von Christen, die nicht unter der Leitung von Pfarrern bestanden. Da kam im Jahre 1894 Herr Muggli von der Schweiz nach Memmingen, um an einem Patent in der Haggenmüllerschen Maschinenfabrik zu arbeiten. Er suchte, wie es von zuhause gewohnt war, eine besondere Zusammenkunft von bewußten Christen, um neben den kirchlichen Veranstaltungen Gemeinschaft unter dem Wort Gottes zu pflegen. Er lud am ersten oder zweiten Sonntag nach Trinitatis 1894 zu einer Versammlung in seiner Wohnung ein. Mehrere Brüder des Chrischonawerkes und Pfarrer Grob von Herbishofen leisteten Hilfe. Pfarrer von Ammon von Unser Frauen pflegte Kontakte mit den Versammelten, die sich Landeskirchliche Gemeinschaft nannten, und wurde ihr guter Freund. Nach 1 1/2 Jahren verließ Muggli Memmingen. Man kam nun in der Wohnung des Bildhauers Michael Geiger beim Grimmelhaus zusammen. Von 1898 bis 1910 hatte Frau Schöllkopf die Wohnung inne. Herr Geiger führte die Gemeinschaft bis 1906 und nahm dann Aufgaben im evangelischen Handwerkerverein an. Die Leitung der Landeskirchlichen Gemeinschaft übernahm dann Jakob Hieber.

Im Jahre 1898 begannen Dr. Ing. Georg Mühlschlegel und Dipl. Ing. Karl Büchele, angeregt durch die Erfahrungen an der Industrieschule in Augsburg, mit der Jugendarbeit. Die männliche und weibliche Jugendarbeit wurde in der ersten Zeit gemeinsam gestaltet. Am 2. August 1902 wurde der Jugendbund für entschiedenes Christentum (EC) gegründet. Später wurden jedoch die Geschlechter getrennt und die Jugendarbeit verselbständigt. Die Jungen schlossen sich am 03.12.1908 dem CVJM an und kamen in der Kempter Straße zusammen. Dort wurde auch das Blaue Kreuz gegründet, um sich der Alkoholsüchtigen anzunehmen. Die Mädchen schlossen sich zunächst dem Gemeinschaftswerk Hensoltshöhe in Gunzenhausen an und kamen im Grimmelhaus zusammen. Dort wurde auch die Kinderabeit durchgeführt. 1925 wechselten sie zu dem Chrischonawerk.

Leiter der Landeskirchlichen Gemeinschaft:

1896 - 1906 Michael Geiger, Bildhauer

1906 - 1940 Jakob Hieber

1940 - 1965 Friedrich Frieß

1965 - 1980 Hans Stetter

1980 - 1988 Fritz Dietrich, Diakon

1988 -    ( min. 1998 )   Theophiel Haffelder, Pfr.i.R.

Gemeinschaftspfleger für den Bezirk Memmingen als zugehörig zum altpietistischen Gemeinschaftsverband in Württemberg:

1945 -1971 (bis1976) Alexander Scholl

1976 - 1986              Gotthilf Bürk

1988 - 1996              Werner König

19..   - 2001              Martin Brekle

2001 - 2010              Gotthilf Holl

Leiter des CVJM:

1908 - 1909 Fritz Ammann

1909 - 1911 Hans Hermann

1911 - 1912 Fritz Greulich

1912 - 1933 Friedrich Frieß

1933 - 1934 Gustav Wassermann

1934 - 1948 Friedrich Frieß

1948 - 1965 Hans Stetter

1965 - 1966 Johannes Krumm

1966 - 1971 Richard Mayer

1971 - 1991 Gerhard Gütler

1991 -          Norbert Schwarzer

Leiterinnen der Chrishona Mädchen- und Frauenarbeit:

1925 - 1927 Maria Strohmayer

1927 - 1930 Gertrud Weber

1930 - 1933 Maria Haufler

1933 - 1967 Emilie Schuchmann

1967 - 1986 Lore Volk

1986 - 1991 Meta Gande

1991 - 1993 Anna Hasel

1993 -          Edith Penner

Leiter des Blauen Kreuzes:

1908 - 1916 Matthias Wassermann

1916 - 1946 Stadtpfr. Boesenecker

1946 - 1955 Zollfinanzrat Loew

1955 - 1981 Gustav Olschewski

1981 - 1990 Horst Marquart

1990 -          Wilfried Bager

Mitarbeit im evangelischen Handwerkerverein:

                    Michael Geiger

Mitgründer und Mitarbeiter der Evangelischen Gemeindejugend:

                    Otto Steiger

Im Jahre 1910 wurde der "Hasengarten" durch den CVJM Memmingen durch große finanzielle Zuschüsse der Firma Hausmann gekauft. Am 26. Februar 1934 geschah die Übereignung des Hauses an die Landeskirchliche Gemeinschaft Memmingen, um der staatlichen Enteignung zuvor zu kommen. Bei der Neugründung des CVJM Memmingen nach dem 2. Weltkrieg verblieb das Hauseigentum bei der Landeskirchlichen Gemeinschaft Memmingen. Ende 1968 kam es zum Abschluß eines Vertrages, der eine unentgeltliche Nutzung des Hauses durch den CVJM Memmingen beinhaltete.

Im Laufe der Jahre entstanden in der Stadt mithin ausgehend von der Kirchengemeinde Unser Frauen viele Hauskreise einschließlich von Hausbibelkreisen von jungen Leuten innerhalb unserer Evangelischen Kirche.

Die große Aufschlüsselung des erwecklichen christlichen Lebens unter dem Wort Gottes nach den Gaben und Aufgaben für den Menschen zur Ehre Gottes läßt die Landeskirchliche Gemeinschaft als Verein nicht wachsen. In der kleiner gewordenen Konzentration möchte die den Charakter eine Mittelpunktes haben.

Wir denken gern zurück an Zeiten, in denen die Landeskirchliche Gemeinschaft Memmingen über einen großen gemischten Chor und einen großen Posaunenchor verfügte. Alle drei Jahre führte sie in Memmingen eine Glaubenskonferenz durch, in der erweckliche Christen in unserem Bezirk im Glauben gestärkt und für den Dienst zugerüstet wurden. Darüber hinaus fehlte es nicht an Evangelisationen.

Verwaltung der Gemeinschaft 1953

Der CVJM überschrieb am 26.02.1934 den Hasengarten an die Landeskirchliche Gemeinschaft Memmingen
Von links: Gustav Wassermann, Michael Kutter, Albert Schwarz, Friedrich Frieß, Hans Glatz, Hans Stetter, Alexander Scholl, Gustav Olschewski
Heim des Christlichen Vereins Junger Männer am Lindauer Tor zu Memmingen; oben: Seitenansicht

 

 

Nun müssen unter der Leitung des heiligen Geistes neue Ansatzpunkte und Wege gesucht werden. Eine Organisation kann alt werden, Mitglieder können alt werden. Aber dabei braucht das geistliche Leben nicht zu altern. Unabhängig vom äußeren Älterwerden wollen wir junge fröhliche Christen sein. Alt wird dann ein Mensch, wenn sich die körperlichen Zellen nicht mehr erneuern und allmählich absterben. Es gibt auch eine geistliche Zellerneuerung aber auch den Beginn eines Absterbens von geistlichen Zellen, wenn sie nicht durch immer wieder neue Hingabe an unseren Herrn Jesus Christus, durch einen lebendigen Glauben an ihn, erneuert werdern, wobei das Alte im Menschen abstirbt. Sich auf nur Vergangenes zu berufern hilft nicht viel. Unser Herr Jesus Christus erwartet die "erste Liebe". Unser Wunsch ist, daß Chisten immer wieder diese geistliche Erneuerung erfahren und sich so mit den geschenkten Gaben für die anderen einsetzen. Auf diese Weise kann eine Gemeinschaft, die hundert Jatre alt ist, doch jung sein. Darüber hinaus dürfen wir ja einer wunderbaren Zukunft in der Ewigkeit entgegen leben. Die geistliche Veränderung im Leben eines Christen hat mit der Wiedergeburt zu tun, von der unser Herr Jesus Christus redet. Er sagt (Joh.3,5):

 "Es sei denn, daß jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen".

 Wir sind dankbar, daß unsere Eltern uns zur Taufe gebracht haben und freuen uns, daß wir durch den Geist Gottes an Jesus Christus glauben dürfen, der der Herr unseres Lebens sein will. Für uns ist das biblische Wort Gottes, das in unsere Lebenssituation hinein ausgelegt wird, wegweisend und unsere geistliche Speise für unser Glaubensleben. Zeitgeistströmungen" die meistens kurzlebig sind, möchten nicht unser Leben bestimmen. So freuen wir uns, dass wir uns noch nach den Gottesdiensten zur Gemeinschaft um das Wort Gottes versammeln dürfen.

 Theophiel Haffelder

Ende des Auszuges aus der Festschrift "100 Jahre Landeskirchliche Gemeinschaft Memmingen"

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